Die Literacy-Erziehung im Kindergarten

Kinder machen schon lange bevor sie lesen und schreiben können ihre ersten Erfahrungen mit Sprache und Schrift. Im Kindergarten können Literacy-Erfahrungen gezielt gefördert und so ein Grundstein für eine erfolgreiche Lese- und Bildungskarriere gelegt werden.

Was ist Literacy?

Literacy ins Deutsche zu übersetzen ist schwierig, da es um mehr als nur "Literalität" geht. Vielmehr ist Literacy ein Sammelbegriff für Lese-, Erzähl- und Schriftkultur. Er umfasst laut der Online-Enzyklopädie für Psychologie und Pädagogik:

  • die Vertrautheit mit Büchern
  • die Lesefreude
  • das Text- und Sinnverstehen
  • die sprachliche Abstraktionsfähigkeit
  • den kompetenten Medienumgang
  • die Lesekompetenz
  • die Schreibkompetenz

(Stangl, W. Literacy-Erziehung. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. WWW: http://lexikon.stangl.eu/11947/literacy-erziehung/ (30.3.2017) )

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Literacy meint mehr als Lese- und Schreibkompetenz ...
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... zB die Freude an Sprache & Schrift entdecken

Im Kindergarten geht es nicht darum, dass die Kinder Buchstaben lesen und schreiben lernen. Vielmehr sollen sie erste lustvolle Erfahrungen mit der Lese-, Erzähl- und Schriftkultur sammeln – etwa durch das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern, das (Nach-)Erzählen von Geschichten und das Schaffen regelmäßiger Sprechanlässe.

Raumgestaltung und Materialien für das freie Spielen und Arbeiten können Literacy-Erfahrungen gezielt anregen und fördern – wie etwa eine Bücher- und Leseecke, eine Schreibwerkstatt mit unterschiedlichsten Schreibutensilien, eine Kiste mit Verkleidungen für Rollenspiele, ein Rucksack voller Gegenstände für das Erfinden und Erzählen von Geschichten etc. 

Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus sozial schwachen Familien können zu Hause oft nicht entsprechend gefördert werden. Für Sie hat die Literacy-Erziehung im Kindergarten besondere Bedeutung. Sie ermöglicht Kindern Erfahrungen zu machen, die für die ungestörte Entwicklung von Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz sowie die Freude an Sprache und Büchern unerlässlich sind. Schauen wir uns die Ergebnisse der Überprüfung der Bildungsstandards im Fach Deutsch durch das Bifie (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens) an, wird deutlich wie wichtig die Unterstützung dieser Kinder ist – und das von Anfang an!

Literacy-Kompetenzen

Annegret Kieschnick hebt in ihrem Fachtext "Literacy im Kindergarten" drei Literacy-Kompetenzen besonders hervor:

  • Mündliche Sprache 
  • Erfahrungen mit Schrift 
  • Phonologische Bewusstheit 

Im Kindergarten kann die mündliche Sprache vor allem durch das dialogische Vorlesen in Kleingruppen gefördert werden. Ein spielerischer Aufbau phonologischer Bewusstheit – also der Bewusstheit über formale Eigenschaften gesprochener Sprache – kann etwa durch Reimen und Silbenklatschen stattfinden.

(Kieschnick, A. Literacy im Kindergarten. www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Kieschnick_Literacy_2016.pdf)

Möglichkeiten der praktischen Literacy-Erziehung

Bilderbuchbetrachtung:

Das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern trägt gerade in der frühen Kindheit viel zur Förderung der Sprache und der Lesefreude bei. Idealerweise findet dies in Kleinstgruppen statt, da so das Tempo von sprachlicher Anregung und Kommunikation auf die jeweiligen Kinder abgestimmt werden können. Vor allem bieten Bilderbücher zahlreiche Sprechanlässe, die Kinder selbst zu ErzählerInnen werden lassen. 

Vorlesen:

Regelmäßiges Vorlesen im Kindergarten und zu Hause gehört zu den Grundpfeilern der Literacy-Erziehung. Dabei ist vor allem das „dialogische Vorlesen“ von Bedeutung. Durch Rückfragen zum Inhaltsgeschehen oder Fragen wie „Was denkst du?“ bzw. „Wie könnte die Geschichte (noch) ausgehen?“, werden die Kinder zum Nachdenken, Nutzen ihrer Fantasie und Sprechen angeregt. 

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gemeinsam Bilderbücher betrachten
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kritzeln und zeichnen
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Büchereien nutzen

Freies Sprechen und Erzählen:

Anlässe zum freien Sprechen und Erzählen bieten sich im Kindergarten immer wieder. Wichtig ist Kinder zum Sprechen  zu ermutigen – durch Zeigen von Interesse und aufmerksames Zuhören. Ständiges Ausbessern und auf Fehler Aufmerksam-machen ist kontraproduktiv! Durch das freie Erzählen werden die kommunikative und soziale Kompetenz gefördert. Sprechanlässe können auch gezielt gesetzt werden - etwa wenn die Kinder im Morgenkreis vom Wochenende erzählen oder sich kreativ mit ihren Medienhelden auseinandersetzen.

Rollenspiele:

Theaterstücke, Puppenspiele, das Nachspielen von Medienerlebnisse und völlig freie Rollenspiele fordern Kinder ganz spielerisch zum Sprechen auf, fördern Empathie und Fantasie und lassen sie Eindrücke aus realer und virtueller Umgebung verarbeiten. 

Spielerische Auseinandersetzung mit Symbolen und Schrift:

Durch Zeichnen, Kritzeln, Gestalten von Bilderbüchern und Plakaten, Anschauen von Büchern und Zeitschriften, aber auch durch das einfache Beobachten der Erwachsenen beim Erstellen von Notizen lernen Kinder Symbole und Schriftzeichen als Träger von Bedeutung und Information kennen. MeKi bietet mit Foto-Expedition ins Buchstabenland und Schriftzeichen im Internet entdecken Ideen für die Literacy-Erziehung und praktische Medienarbeit an. 

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Digitale Medien als hilfreiche Werkzeuge der Literacy-Erziehung

Auseinandersetzung mit medialen Inhalten und Nutzen von Medien als Lernwerkzeuge:

Interaktive Medien wie Computer, Tablet und Internet sind wichtige Werkzeuge der Literacy-Erziehung. Textverarbeitungs- und Malprogramme bieten den Kindern eine zusätzliche Möglichkeit Erfahrungen mit Schrift und Symbolen zu machen. Mit Hilfe von Kindersuchmaschinen kann gemeinsam nach interessanten Themen recherchiert werden. Und zahlreiche Apps - Kinderbuchapps und kreative Apps - machen die Auseinandersetzung mit Büchern zum interaktiven Erlebnis und lassen die Kinder zu GestalterInnen werden.

Nutzen von Büchereien:

Das Einrichten einer Bücherei im Kindergarten und/oder der Besuch einer Bücherei in der Umgebung fördert die Freude und das Interesse an Büchern – sowohl der Kinder, als auch der Eltern. Da erste Literacy-Erfahrungen zu Hause stattfinden, müssen auch die Eltern mit ins Boot geholt werden. Ihnen muss nicht nur die Bedeutung dieser Erfahrungen für die Sprachentwicklung der Kinder sondern auch deren Vorbildrolle bewusst gemacht werden. Lesepatenschaften zwischen Eltern, Großeltern und/oder älteren Geschwistern und den Kindern im Kindergarten unterstützen diese Vorbildrolle zusätzlich.


Webtipps:

Literacy.at ist ein Online-Medium des Bundesministeriums für Bildung, das Forschungsergebnisse, Interviews, Veranstaltungen, Projekte und Medientipps rund um das Themengebiet Literacy sammelt & präsentiert. 

Das Portal KiTa Fachtexte bietet zahlreiche kindheitspädagogische und entwicklungspsychologische Aufsätze von AutorInnen aus Wissenschaft und Fachpraxis zum Downloaden und Lesen an - unter anderem den Fachtext Literacy im Kindergarten von Annegret Kieschnick.

Das Portal der Universität Bremen www.elementargermanistik.uni-bremen.de gibt hochschuldidaktische Impulse zur Entwicklung der Sprach- und Literaturdidaktik in der Elementarbildung - so auch die Handreichung Literacy von Dr. Sven Nickel.

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